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  • AutorenbildMarkus Sommer

Chromat-Alarm - Teil 2; Mineralwolle

Die Verwendung von kalziumhaltigen Dämmstoffen kann zur Bildung von krebserregenden Chrom(VI)-Verbindungen (Chromaten) führen. Darüber berichten wir seit nunmehr drei Jahren!


Lange Zeit war es still seitens der Hersteller, nun gibt es allerdings Bewegung, wenn auch wie immer gut versteckt und ohne großes Medienecho.


Immerhin, es wird nun (endlich) gewarnt!

Viele Jahre zu spät und sicherlich nicht für jeden zugänglich und ohne weiteres zu finden, aber die Mauer des Schweigens bricht!


Schauen wir uns den Chromat-Alarm eines weltweiten Marktführers einmal genauer an:



Bei der Verwendung alkali- und erdalkalihaltiger Dämmstoffe im Hochtemperaturbereich können Chrom (VI)-Verbindungen entstehen
Mineralwolle und Chrom (VI)-Verbindungen, Herstellerinformation
Erstmals wird über das Vorkommen von "gelblichen Ablagerungen" bei der Demontage von mineralwollegedämmten Anlagen berichtet, wahrlich eine Kehrtwende um 180°, denn bis vor kurzem hieß es von Seiten der Mineralwolleindustrie nur lapidar "ist uns nicht bekannt"!

Die Hersteller solcher Materialien versuchen sich zu rechtfertigen, indem sie die in den heutigen Isoliermaterialien enthaltenen Alkali- oder Erdalkalimetalle (insbesondere Kalzium oder Natrium) nicht mit der Bildung von Chromaten in Verbindung bringen und die Schuld allein auf den Chromgehalt der zu isolierenden heißen Teile schieben.


Gleichzeitig werden jedoch die Isoliermaterialien (die Alkali- und Erdalkalimetalle enthalten) mit chromhaltigen Steppdrähten und Gittern vermarktet.


Wenn also behauptet wird, dass Chrom allein für die Bildung von Chrom(VI)-Verbindungen verantwortlich ist, sollten wir dann nicht zumindest die Chromquellen aus den Materialien entfernen, um die Verbraucher zu schützen?



Bei der Verwendung calciumhaltiger oder natriumhaltiger Dämmstoffe im Hochtemperaturbereich können krebserregende und umwelttoxische Chromate entstehen
Chrom (VI)-Verbindungen, Mineralwolle; Herstellerinformation


Noch im Mai 2021 war es einem Dämmstoffverband in einem einstweiligen Verfügungsverfahren gegen ein polnisches Unternehmen, das über Chromatbildung berichtete, sehr wichtig, dass nicht pauschal über Chrom(VI)-Verbindungen berichtet wurde, sondern - im Zusammenhang mit Mineralwolle - explizit über die krebserregende Chrom(VI)-Verbindung Calciumchromat.



gerichtlicher Vergleich Fachverband der Minerallwolleindustrie, Berlin gegen Kavarmat s.c. Calciumchromat (Chrom+6) und Mineralwolle
Vergleichsurteil Mineralwolle und Calciumchromat

Schon im Laufe der Gerichtsverhandlung wurde selbst dem Kläger, ein deutscher Fachverband der Mineralwollindustrie, schnell klar, dass die Argumentation von "gasförmigem Chrom (VI)", das sich irgendwie materialisiert und irgendwo ablagert, nicht haltbar ist.


Jetzt, zwei Jahre später, wird diese Theorie allerdings erneut vorgebracht.


Es gibt mehrere wissenschaftliche Studien darüber, dass Mineralwolle, die natürlicherweise alkali- und erdalkalische Metalle wie Calcium und/oder Natrium enthält, bei Direktkontakt mit chromhaltigen Heißteilen und Temperaturen ab 300°C die krebserregende Chrom (VI)-Verbindung Calciumchromat bildet.

Auch hier wird völlig außer Acht gelassen, dass es sehr wohl wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die die Bildung von Calciumchromat oder Natriumchromat in Verbindung mit alkalischen oder erdalkalischen Isoliermaterialien auf erhitzten chromhaltigen Edelstahlplatten genau belegen.


Bei diesen Versuchen wurde übrigens kein gasförmiges Chrom (VI) gebildet!

Die thermochemische Bildung von Calciumchromat ist ebenso einfach wie beunruhigend; es braucht - entgegen so mancher Behauptung - weder Temperaturen von mehr als 700°C/800°C, noch hohen Betriebsdruck oder hohe Feuchtigkeit.


Die Chromatentstehung ist ein trockener und natürlicher chemischer Prozess, beginnend bei Temperaturen oberhalb 200°C.


Je nach Art und Volumengehalt der Alkali- bzw, Erdalkalimetalle in den Hochtemperaturisolierungen entstehen die krebserregenden Chrom (VI)-Verbindungen temperaturabhängig, wie die u. g. Grafik zeigt:


Heating Temperature Dependence of Cr(III) Oxidation in the Presence of Alkali and Alkaline Earth Salts and Subsequent Cr(VI) Leaching Behavior
Chrom (III)-Hochoxidation zu Chromaten (Cr+6) in der Gegenwart von Ca, K oder Na

Wie die Mineralwolle-Hersteller selbst angeben, bestehen die Dämmstoffe "...aus Fasern mit einem Anteil aus Alkali- und Erdalkalimetalloxiden (Na2O+K2O+CaO+MgO+BaO) von über 18% Gewichtsprozent...", und verfügen somit genau über die Inhaltstoffe, die für die Entstehung von u.a. Calciumchromat (CaCrO4) bzw. Natriumchromat (Na2CrO4) erforderlich sind, sofern direkter Kontakt mit Chrom (III)-Verbindungen unter Temperatureinfluß besteht.


insbesondere bei Mineralwollprodukten, die mit edelstahlhaltigen Drähten oder Drahtgittern versteppt sind, werden alle Zutaten für eine Chromatentstehung in einem Produkt vereint und können bei Erhitzung zur Bildung der krebserregenden und umwelttoxischen Chromate führen.

Für die Dämmstoffindustrie entsteht so ein doppeltes Dilemma:


  • Alle gängigen Dämmstoffe, die für den Hochtemperaturbereich verwendet werden, enthalten mindestens ein, meistens sogar mehrere Alkali- oder Erdalkalimetall(e).

  • Viele der o.g. Dämmstoffe sind bereits im Auslieferzustand mit Chrom (III)-haltigen Elementen verstärkt.

Insofern ist auch dann mit einer Entstehung von Calcium- oder Natriumchromat zu rechnen, wenn nicht edelstahlhaltige Heißteile wie Maschinen, Rohre, Aggregate etc. isoliert werden!


Die krebserregenden Chromate entstehen nicht nur zwischen Isolierung und dem zu isolierenden Bauteil; sie können ebenfalls außen auf Isolierelementen auftreten, wenn sie mit edelstahlhaltigen Heißteilen in Berührung kommen!

Das folgende Bild demonstriert das Zusammenspiel zwischen Temperatur, Alkali- oder Erdalkalimetall und Edelstahl sehr anschaulich.


Ein Metallrahmen aus Edelstahl, dessen Legierung Chrom (III) enthält (Cr2O3), ist mit dem Hochtemperaturteil (Kanal) verschweisst und leitet so die Kanaltemperatur nach aussen auf den Metallrahmen.



Calciumchromat (gelber Staub) Hochtemperatur-Isolierung
Calciumchromat (gelber Staub) Hochtemperatur-Isolierung

Wie man deutlich sieht, wird im Abstrahlbereich des Rahmens die Beschichtung des Isolierelementes thermisch zersetzt.


Nun gibt es einen direkten Kontakt zwischen der chromhaltigen Edelstahllegierung der Halterung und der calciumhaltigen Oberfläche des Isoliergewebes aus gängigem E-Glas, wie es in der Isolierindustrie kilometerweise eingesetzt wird.


Ebenfalls deutlich zu erkennen ist die direkte Verschweißung der Halterung mit dem Kanal, was wiederum die fast volle Temperaturableitung zwischen Kanal und Rahmen begünstigt; somit wird die Außenfläche der Isolierung den Innentemperaturen der Anlage ausgesetzt.


Laut Dämmstoffhersteller werden für die Bildung der gasförmigen Chrom (VI)-Verbindungen hohe Temperaturen UND Wasserdampf benötigt.

Gasförmige Chrom (VI)-Verbindungen kann man auf Bildern daher eher nicht erkennen, sehr wohl erkennbar sind allerdings die gelben Ablagerungen überall dort, wo Edelstahlkomponenten und Isolierelemente in Berührung kommen.


Bei den gelben Pulverrückständen handelt es sich um die Chrom (VI)-Verbindung Calciumchromat, einem Feststoff und keinem Gas; eine thermochemisch entstandene Verbindung aus Calcium und Chrom.


Die Pulverrückstände wären auch entstanden, wenn anstatt eines Isolierkissens eine Fasermatte verwendet worden wäre, weil auch diese alkali- und erdalkalimetallhaltig ist.


Mit der Veröffentlichung weiterer Warnmeldungen aus der Industrie, die immer zahlreicher werden und auf das Sicherheitsrisiko für Mensch und Umwelt im Zusammenhang mit der Freisetzung von Chrom (VI)-Verbindungen bei Verwendung heutiger Dämmstoffe hinweisen, wird eines klar:


Es herrscht weltweiter Chromat-Alarm, denn calcium- und/oder natriumhaltige Isolierungen sind schlicht und ergreifend überall.

Die Mineralwolle-Industrie wird sich eine Frage gefallen lassen müssen, nämlich die nach der Verantwortung am #TheChromateDisaster.


Uns (der Redaktion) liegen Schriftwechsel vor, die eindeutig belegen, dass Fachverbänden bereits in den Jahren 2020/2021 die Entstehungsprozesse bekannt gewesen sein müssen.


Auch den großen Motoren- und Turbinenherstellern ist die Entstehung der Chrom (VI)-Verbindungen bei Verwendung alkali- und erdalkalimetallhaltiger Isolierungen bekannt.


Es ist davon auszugehen, dass sich beide Parteien wissentlich oder unwissentlich gegenseitig beruhigt haben, wie man das in gewachsenen Geschäftsbeziehungen nun einmal so macht.


In vielen Einzelgesprächen hörten wir allerdings auch oft den Hinweis, dass die Isolierprodukte ja schließlich nicht verboten sind.


Dabei ist es eigentlich erst einmal völlig irrelevant, ob etwas verboten ist, oder nicht!


Mit der Entstehung von Chromaten und deren möglicher Freisetzung ist jeder Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, ein ganzes Maßnahmenpaket zum Schutz vor Krankheit und Umweltschäden einzuleiten und hierbei spielt es erst einmal nur eine untergeordnete Rolle, wer oder was für die Entstehung der so genannten KMR-Stoffe* verantwortlich gemacht werden kann, diese Analyse wird erst später substantiell.

*KMR - krebserregend, mutagen, reprotoxisch


Es ist das Chromat an sich, mit welchem nur unter strengsten Auflagen umgegangen werden darf und diese gesetzlichen Vorschriften bestehen schon seit vielen Jahren!


Wenn man aber weiß, wie diese gefährlichen Stoffe entstehen können, ist es ebenfalls Pflicht des Unternehmers, die erneute bzw. weitere Entstehung zu vermindern, bestenfalls zu verhindern (Substitutionsprüfungspflicht).


Sofern die Möglichkeit besteht, die Chromatentstehung zu verhindern, z. B. durch die Verwendung alkali- und erdalkalimetallfreier Dämmstoffe und Isoliersysteme, sind diese Möglichkeiten allerdings auch unverzüglich auszuschöpfen.


Die Beantwortung der Frage, warum es die heutigen Marktführer nicht für nötig halten, intensiver zu warnen bzw. Alternativprodukte anzubieten sei der Phantasie eines jeden einzelnen selbst überlassen.




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